Alle Gedichte übersetzt von Yüksel Pazarkaya

Lâdes (Die Wette, 1942)
Evler (Die Haeuser, 1947)
Yýldýzlar (Sterne, 1948)
Keyif (Vergnügen, 1953)
Gizli Sevda (Heimliche Liebe, 1953)
Saklý Su (Verborgenes Wasser, 1954)
Yalan Ses (Trügerische Stimme, 1954)
Sevgilerde (In Liebe, 1955)
Dýþarda (Draussen, 1956)
Kitaplarda Ölmek (In den Büchern sterben, 1957)
Çocuklar (Kinder, 1958)
Dönme Dolap (Paternoster, 1960)
Kadýndýlar (Frauen, 1960)
Korku Çiçekleri (Blumen der Angst, 1961)
Zaman Kaymasý (Zeitrutsch, 1962)
Nilüfer (Seerose, 1962)
Solgun Bir Gül Dokununca (Eine verwelkte Rose beim Berühren, 1962)
Panik (Panik, 1962)
Liman (Hafen, 1968)
Küskün Yolcunun Türküsü (Das Lied des enttauschten Wanderers, 1969)
Kalýt (Erbgang, 1972)
Bir Albümden Resimler (Bilder aus einem Album, 1973)
Yedikule (Siebentürme, 1975)
Uygarlýk Raporu (Zivilisationsbericht, 1977)
Bir Ýstanbullunun Not Defterinden 2 (Aus dem Tagebuch eines Istanbulers 2, 1979)
Temmuz Tikleri (Juli-Macken, 1979)


Die Wette

Die Wette, die wir schlossen
Scheint sich hinzuziehen.

Ich verschob die Tagesgeschaefte
Zog in ein Haus
Dem Friedhof gegenüber.

Tod, du kannst mich nicht überlisten
Bist mir im Sinn!

Herauf

Die Haeuser

Jahrhunderte lang bauten die Menschen Haeuser.
Gross, klein, voneinander verschieden
Holzhaeuser, Steinhaeuser bauten sie.
Darin geboren und gestorben darin; ein und aus gingen sie.
Von Zeit zu Zeit aenderte sich das Innenleben der Haeuser
Von aussen sind Haeuser nur Fenster und Mauer.

Menschen mit düsteren Herzen bewohnten
Haeuser, die auf enormem Profit emporstiegen.
Jene armen Menschen dagegen bewohnten
Haeuser, die durch taegliche Aengste einstürzten.

Viele Haeuser wurden alt und fielen ein, unwiderruflich.
Viele Haeuser wurden nicht gewürdigt.
Manche zeigten sich erhaben übers Leben.
Andere passten sich den Zeiten an.
Von Kummer erfüllt die Raeume der Haeuser,
Von aussen sind Haeuser nur Fenster und Mauer.

Glück schaeumte auf wie Seifenblasen in den Haeusern:
Drang ein Kern ein: dem Granatapfel gleich
Wurde es mehr und nicht weniger.
Wie die Pest fegten Unglücksfaelle die Haeuser:
Schicksalsanschlaege zogen auf
Ohne Ende.

Friedliche Eintracht wurde Erinnerung
An die Vergangenheit in vielen Haeusern.
Herzlichkeit, Achtung voreinander schwanden
Nun rebellieren die Kinder gegen das Elternhaus,
Eine Lawine aus Bitterkeit geht zu Tal.

Gemordet wurde in den Haeusern,
Die Menschen ahnten es nicht einmal.
Familiengeheimnisse in vier Waenden,
Der Weltschmerz in vier Waenden.
Kinder, Maenner, Frauen soviele
Wurden von Traenen genaehrt.

Die Kleinen wurden zu Erwachsenen in manchen Haeusern:
Bedraengte Familien schickten ihre Kinder zur Arbeit.
Unglücklich die Schulkinder
Schweisstropfen winziger Haende
Ersetzten das Salz im Kochtopf der Haeuser.

Der Menschen Schicksal haengt zusammen mit den Haeusern.
Reiche Haeuser schauten auf die armen herab,
Standesgemaess tauschten die Haeuser Braeute
Manche ersehnten sich ein höheres Leben,
Mühten sich ab um aufzusteigen
Die Haeuser liessen es nicht zu.

Wenn das erste Feuer im Herd rauchte
Die Frau an der Seite des Mannes
Die Maenner flüchteten, die Frauen flüchteten
Die Haeuser beklagen stumm die Flüchtigen.

Viele Wohnungen wurden in dieser Welt gebaut:
Hütten, Baracken, Haeuser, Villen…
Man teilte sie sich Raum für Raum, Tür für Tür
Doch euch wurde nicht zuteil
Euch, die ihr Mauerreste, Brandstaetten bevölkert,
Die ihr in Heizungskellern und Zisternen schlaft!

Herauf

Sterne

Im Dunkeln lassen sie dich schlafen
Fürchtest dich vor der Nacht
Schaust und schaust aus dem Fenster
Verkriechst dich im Bett.

Wie du weisst, bin ich immer am selben Platz
Wenn das Wetter klar ist
Schaust du zu mir herauf und freust dich.

Kaeme ich doch auch
So wie ich dir erscheine
In dein Zimmer,
Waere ich doch wie Leuchtkaefer
In deiner kleinen Hand
Ein Geflimmer.

Jahre vergehn, du wirst gross
Alles endet eines Tages
Die Unruhe, deine kindlichen Sorgen
Alles endet
Wenn die Nacht für dich Licht spendet
Wie die Sonne strahlst du bloss!

Etwas Geduld, Kindchen, etwas Geduld
Aber dort, wo Gott sie hingestellt
Sind die Sterne immer mutterseelenallein.

 

Herauf

Vergnügen

Kneipe, du bist schön
Ohne deine fliegenden Haendler.
Bedrückt vom Vorwurf gekniffener Augen
Die Tische, ein Tisch.

Der alte Mann tritt, vom Hunger ausgezehrt, versengt
Verkauft Pasteten, frisch.
Wenn Sie kaufen, können Sie sie nicht essen
Bleibt im Halse stecken.

Trotz Ihres Aergers, es kommt die Blumenfrau
Ihr Gesicht wie vereitert:
Die Nelke, die sie reicht,
Vermehrt die Traurigkeit im Glas.

Garnele, die Rose der Meere, Garnele…
Nie in Ihrem Leben kosteten Sie davon.
Rot wie ein Schamgefühl spüren Sie hilflos
Die schlaffen Fühler im Herzen.

Biete Parfüms, Düfte…
Ein vaeterlicher Mann.
Verehrungswürdig,
Weil er standhaelt.

Gefüllte Muscheln, warm…
Verschmutzt seine weisse Schürze.
Ein Leuchten, innig und kriecherisch,
Verbirgt die Müdigkeit der schlaefrigen Augen.

Du, kleines Maedchen, gib mir eine Zeitung
Irgendeine, gleichgültig!
Ich würde deine Haende küssen, wenn man es nicht missdeutete,
Du verkaufts deine Kindheit.

Dachten Sie je daran, Sie sind betrunken…
Gartsig beinahe.
Wie arm Sie auch sein mögen,
Vergnügen Sie sich doch!

Herauf

Heimliche Liebe

Vor sieben, acht Jahren
Hattest du eine Geliebte,
Gestern traf ich sie unterwegs
Sie freute sich, mich zu sehn.

Auf der Strasse im Stehen
Sprachen wir von diesem und jenem,
Sie sei verheiratet, habe Kinder
Einen Sohn und eine Tochter.

Sie fragte nach dir
Unveraendert der alte, sagte ich,
So wie du ihn kennst…
Sie senkte den Blick.

Sie sei glücklich, liebe ihren Mann
Sie haetten ein Eigenheim…
Bedrückt wie eine Schuldige
Bestellte sie dir Grüsse.

Herauf

Verborgenes Wasser

Auf zuckenden Wunden nackt
Das Berühren der Luft
Die Wunde schrinnt.
Ihre Angst, dass gleich
Jemand etwas sagt, etwas fragt.

Acht Strassenzüge vorher spüren Sie,
Die Schritte naehern sich,
Eine Beengung in Ihrer Brust
Es wurde finster.

Versteh meine Unruhe, lass ich in Ruh, Freund
Frag nicht nach dem Grund.
Unter üppigem Gewaechs fliesst nur für mich
Empfindlich, selbstachtend
Verborgenes Wasser, will nicht, dass man es sieht.

Herauf

Trügerische Stimme

Ich verbarg dich hinter Mauern,
Steiles Steinwerk von aussen.
Sollen sich alle irren, meine Freunde kennt keine Grenzen:
Mein Garten, du gehörst nur mir.

Ich beschrieb dich ganz anders, man sah nur eine Mauer
Das bist du nicht.
Die Augen sehen nur die Oberflaeche:
Mein Garten, du gehörst nur mir.

Wenn ich von dieser Gegend fortgehe
Dann folgst du mir.
Mit uns endet die Gecshichte, zurück bleibt eine trügerische Stimme:
Mein Garten, du gehörst nur mir.

Herauf

In Liebe

Die Liebe habt ihr auf Morgen vertagt
Schüchtern, gehemmt, achtungsvoll.
All Ihre Bekannten
Haben Sie verkannt.

Wegen unerledigter Arbeiten
(Sie haetten es nicht so gewollt)
Wo ein einziger Blick alles erklaert haette
Blieben Empfindungen, die Ihr Herz füllten
Im Herzen.

Auf freiere Zeiten hofften Sie
In beengten Zeiten über eine Liebe zu sprechen war haesslich.
Dass Jahre so schnell
Hetzten, kam Ihnen nicht in den Sinn.

In Ihrem versteckten Garten
Blühten Blumen,
In den Naechten und einsam.
Sie fanden sie zu wenig zum Verschenken
Oder keine Zeit.

Herauf

Draussen

Strassenlichter brannten Kerzenflammen Nachtfalter
Teuflisch grinsen phosporleuchtende Fenster
Das Giftgelb sah ich in den Schaufenstern der Laeden
So offenkundig, er wüsste es, war verdrossen
Lass uns nach Hause gehen.

Belaechelt, verachtet, wir sind bedrückt, wenn sie hineingehn
Nur das Geld achten die Fenster
Hinter den Fenstern buhlerisch, schmutzig
Schmierig stösst es ab
Lass uns nach Hause gehen.

Eine zerschlagene Seite in unserem Leben
Die Scheinwerfer vergrössern sie in der Nacht
Betrübt von beklemmenden Liedern
Ehe die Wege beginnen
Lass uns nach Hause gehen.

Herauf

In den Büchern sterben

Name, Vorname
Klammer auf
Geburtsjahr, Strich, Todesjahr, aus
Klammer zu.

Nun ist er ein Name, ein Vorname in den Büchern
In Klammern sein Geburts- und Todesjahr.

Gegen Ende der Seite oder etwas weiter unten
Seine Werke, Erscheinungsjahre
Eine kurze, lange Liste.
Wie Vögel im Todeskampf
Die Buchtitel in euren Haenden.

Der Strich zwischen den beiden Klammern
Er bedeutet alles.
Seine Hoffnung, seine Angst, seine Traenen, seine Freude
Er bedeutet alles.

Nun ist er in den Büchern
Gefangen durch einen Strich;
Lebt er noch: er kann sich nicht wehren,
Sie können ihn töten.

Herauf

Kinder

Kaum etwas haetten wir gesucht,
Wenn Kinder nicht waeren.

Manche müde Frauen beim Metzger, beim Gemüsehaendler
Und immer waehlen sie die wenig geschaeftigten Stunden
Dann verlangen sie mit leiser Stimme
Fürs Kind, krank, isst seit Tagen nichts,
Etwas Fleisch, etwas Obst.

Von seiner Lieblingsmarmelade alle zwei Tage nur fürs Kind
Mit jenem Löffel waechst die Besorgnis
Butter, Zucker, Tee
Lassen Mütter besorgt nachdenken,
Wenn sie sogar im Traum ausgehn.

Über Menschen, Verkaufsstaende, Papiere, es waere ein
leichtes,
Haetten wir uns nicht so gebeugt, wenn Kinder nicht waeren.

Herauf

Paternoster

Woher, warum ich kam
Ahnungslos kann ich nichts sagen, und ihr?
Doch so wichtig ist es nicht
Ich kam, man machte Platz, ich setzte mich
Ein und aus gingen manche
Als ich kam.

Da gab es noch Brot und Wasser.
Gelaechter, Küsse was weiss ich, alles.
Wahrlich ich begriff nicht, war es ein Fest
Andere im Gedanken versunken, still
Manche gingen, warum sie weggingen, verstand ich ehrlich
nicht
Als ich kam.

War dies ein Lunapark, ein Konzert, eine Vorstellung
Ich wusste nichts, begriff nichts vor mir dichtes Gedraenge
Im Gedraenge verging die Zeit schnell
Sieh, sagten sie, ich sah hin, konnte nichts erkennen
Und überall war es dunkel
Als ich kam.

In einer Ecke kauernd war mein einziger Gedanke:
Wie werde ich aufbrechen wenn man geh! sagt
Denn aus dem Gedraenge herauszukommen ist ein Problem
Sie werden aufstehen mir Platz machen und nachstieren
Wie hatten sie gemeckert, verschüchtert setzte ich mich.
Als ich kam.

Herauf

Frauen

Frauen waren sie, viel wurde abverlangt
Schwer trugen sie
Steinig war es, liess man ihre Hand
Stolperten sie.

Verstossen am Tag
Nur nachts existierten die meisten
Wenn sie gerufen wurden für kurze Zeit
Liessen sie sich vom Geflüster verführen.

Aufwachen aus dem Schlaf
Mit Angst und Hoffnung
Nein, ich will nicht, sagte man doch es war ihre Staerke
Ganz einsam blieben sie.

Wünschte man es, Milch unter Wehen haetten sie
Gegeben mit Glück und Freude
Unbefruchtet eine Zeit lang gleich dem Grün des Farnkrauts
Verwelkten sie in sengender Hitze.

Stolz waren sie, eifersüchtig
Vor Blicken, die sich abwandten
Fort in die steilen Berge flohen sie
Im Sattel ungezaehmter Pferde.

Herauf

Blumen der Angst

Weder Korn – noch Glockenblumen
Noch das Alpenveilchen;
Immer nur die Blumen der Angst
Schmückten unsere Blumentöpfe.

Vom Himmel, den wir verschüchtert und verdriesslich ansahen,
Erhofften wir Zuversicht für Morgen.
Kinder, Haeuser und Brot…
Aber sind wir glücklich?

Grünt aus der Erde ein Korn,
Vergiftet von dem Schierling, den es saugt,
Gehn die Blumen der Angst auf, verwilderte Art.
Pfropfen tut not, beschneiden tut not
Mit uns ist es vorüber.

Jede Linie, die wir erreichten, verwandelte sich sogleich in eine Mauer
Glitschiger Schimmel unüberwindlich.
Und du weisst was geschieht
Und die Welt ist schön…
Lebte man nicht!

Herauf

Zeitrutsch

An manchen Tagen verschmelzen die Zeiten miteinander,
Vereint ist Vergangenheit und Gegenwart.
Als lebten wir erstmals das gestern Erlebte
Oder jaeh beginnt was viel spaeter sein wird.

Eine Regung ruft die erste Liebe aus dem Hintergrund:
Sieh, wieder dasselbe Fieber.
Obgleich noch ein Kind, ahnt er ganz
Die Jahre der fernen Zukunft.

Das Jetzt pendelt unregelmaessig
Zwischen gestern und morgen
Geht stark vor oder stark nach,
Wir können es nicht richtig gehen lassen.

Es rieselte Schnee in kalter Mitternacht
Plötzlich Maimorgen, laue Winde der Frühe.
Eben war noch Winter, nun beginnt der Juli
Und wie ein Herbst wird die Sommerzeit verlebt.

Herauf

Seerose

Ich hatte sie hingelegt, sie nahmen sie weg,
Dorthin, zwischen bedraengte Stunden.
Ich holte sie und sah sie an, wenn niemand da war;
Sie war mein Spiegel, der mich zeigen sollte, sie nahmen sie weg.

Lenz im Winter, sie blühte auf in meinen Wassern;
Weshalb sie hinter Gletscherberge entführen?
Das zwischen alten Büchern vergilbte Blatt.
Sie war der Sinn, der mich deuten sollte, sie nahmen sie weg.

Ein Licht war sie, leuchtete in den Naechten;
Am Abend versanken die Blumen in Schlaf,
Die gegenüberliegenden Ufer hüllte das Dunkel –
Sie war die Lampe, die mich weisen sollte, sie nahmen sie weg.

Herauf

Eine verwelkte Rose beim Berühren

So oft faellt es von vielen
Die Passenten sehen es nicht
Ich bücke mich und nehme es
Eine verwelkte Rose wird es beim Berühren.

Vielleicht in einer der Grossstaedte
Auf und ab an übervölkerten Haltestellen
Vielleicht in einem fernen Ort der Heimat
In einem Café – oder Hotelwinkel
Immer, wohin er in dieser Abendzeit geht
Steckt er die Haende in die Hosentaschen
Durch Zigaretten, Papiere
Rutscht es leise
Ich bücke mich und nehme, es wird niemand
Eine verwelkte Rose wird es beim Berühren.

Oder in der abgewischten Lippenfarbe
Eines einsamen Maedchens
Wieder an der Schwelle der müden Nacht
Wenn sie ihren Kopf auf das Kissen legt.

Und mitten am Tag macht sich mancher an mich heran
Meistens in Herbstmonaten und wenn es regnet
Senkt sich vielleicht eine Wolke in jeder Wolke der Betrübnis
Ich greife zu und nehme, es wird niemand
Eine verwelkte Rose wird es beim Berühren.

In den Haenden, Lippen, öden Schriften
Im Netz, für die Abende aufgestellt, verfaengt es sich
Schnauft wie ein verwundetes Tier
Wird betaeubt, fliehen möchte es
Wege oder Erinnerungen entlang.

Ich hole, hole es, es schlaeft nicht die ganze Nacht
Rührt sich im Dunkeln, immer wenn ich es berühre
Eine verwelkte Rose wird es beim Berühren.

Herauf

Panik

Nun verliess Pan die öden Wiesen;
In Millionenstaedten vieler Laender
Huscht er über Asphalt und Beton
In den Mittagsstunden brütend langer Sommer.

Von praechtigen Etagen der Wohnhaeuser
Besteigt er prahlerische Karossen.
Gigantischer Rückhalt, von riesigen Banken
Helfershelfer um ihn, lebt er.

Auf stille, stumme Leute hat er es abgesehen,
Weicht denen, die Zaehne zeigen.
Die Fabrikmauern sind taube Festungstore
Eingeschüchtert müde Maenner, verdriesslich scheue Frauen…
Auf ihre geringe Brotfreude stürtzt er sich.

Nicht nur in der brütenden Hitze des Sommers
Fast taeglich, besonders in Grossstaedten
Kaemmt er die Alleen durch, lautlos sein haemisches Lachen.
Im Angesicht Pans vernebeln sich die Augen
Eines barfüssigen Arbeitslosen auf dem zaeh schmierigen Asphalt.

Waehrend Arme, Hungernde, Kranke elend leben
Mitten in Staedten, in ihren Ecken und Enden
Grausam seine Zivilisation, als haette er sein Mütchen
Nicht genug gekühlt an den Menschen, treibt er es noch aerger
In Atombomben, Weltraumraketen.

Und die Morgen? Versteckt in dunklen Zeitungsmeldungen
Wenn es ihn gibt im Brot, im Wasser, vergiftet
Wenn sein Schatten sogar auf Kindergesichter faellt,
Gibt unsereiner die Hoffnung auf morgen auf.

In Farben, Arbeitern, Rassen…
Juden, Arbeiter, Neger… Pan!
Wenn in dieser Welt menschliches Leben nicht möglich ist
Was bleibt von den Jahrhunderten dann?

Herauf

Hafen

Mit genickten Masten in maechtigen Stürmen
Suchen Schiffe bei uns Zuflucht – wir denken, sie gefunden zu haben.

Sie sehen nicht. Nichts als die Ferne
Wir bessern aus. Sie ziehen, wir bleiben.

Dann in den Naechten: Dass soll das letzte Mal sein, das letzte
Wegschicken – wir flehen das endlos Weite an.

Dann waechst noch mehr
Unsere erschreckende Einsamkeit.

Herauf

Das Lied des enttaeuschten Wanderers

Nach langen Wanderungen
Erschöpft absacken
Das ist ein Kinderspiel:
Ich ertrug dich und ertrag.

Aus welchen Büchern
Wollt ihr es nun lernen,
Wenn manche Dinge nicht
In der Wiege lagen.

Wie von Sturm und Hagel
Erschlagen und stürzte
Auf einsamen Gehwegen
Der arme Nachtfalter
Auf und ab hinkend.

Auf welchen Pfaden nun
Werden seine Spuren verwischt
Einen unzeitgemaessen Ruf
Wie den Rauch einer Zigarette
Tief in sich hinein ziehend.

Wenn dies der Lauf der Welt ist
Hat das sicher seinen Grund
Ich bin von dir enttaeuscht, enttaeuschend.

Herauf

Erbgang

Viele Honigmelonen viel Schafskaese gegessen
Viel getrunken
Viele Beschaemungen erlitten.

Vergessen wie es war, aber es geht nicht aus dem Sinn
Du bist nicht da, sagten sie, Liebe wurde dir entzogen.
Doch wer ist gross geworden, wer, und wer klein.

Leiden waren es kurzum, alle gelöscht
Beraubt wieviele Türen, Acker Hass saeen
Für uns gemaeht.

Herauf

Bilder aus einem Album

Geweihte Erde
Bild meiner Kindheit
Vor lauter Verband nicht zu sehen
Die Maulwurfspuren auf meinem Hals.

Oberprima
Bilder meiner Jugend
Laechelnde Kameraden
Wie waren ihre Namen?

Verborgene Ecke, Bücher
Bild meiner Versenkung:
Hochschule, eine Würde wahren
Aufgenommen ohne mein Wissen.

Dann aenderte sich alles
Mein Weg führte in einen Wald
Wucherndes Gras, Gestrüpp, Gazelle
Getroffen wurde ich, dies ist das Bild.

Und das sind meine Haende Schrift Strich
Schliesslich einsamer Garten
Ich wollte mich etwas ausruhen
Das Bild des Verjagten.

Herauf

Siebentürme

Kleine Stadttore, Laeden in der Stadtmauer
Sollte es immer geben.
Die dorthin verschlagen
Sollten in eine Zeit tauchen, in der schon die Alten standen.

Bleiweiss, Spinne, Speiche, Nabe
Feuchte Erde, Waende
Salpeter – Raeder
Sollten auf uriger Esse geschmiedet werden.

Hinten, Garten aehnlich, ein klappriger Gaul
Ein dürrer Hund, leicht bucklig
Durch den Türspalt in der schlingernden Flamme
Sollten ein Meister und ein Lehrling zu sehen sein.

Etwas weiter, durch die niedrige, enge
Mauertür in breiten
Stunden des Tages
Sollte sich der Abend auf die Mohnfelder ausbreiten.

Herauf

Zivilisationsbericht

Stickige Silos, das ist Zivilisation
Ohne Pflege, verfaulender Weizen bin ich,
Madig falle ich nieder
Durch Betonzylinder.

Waschmittel, Nylon, wasche und zieh an
Die Poren werden verstopft, Nesselausschlag.
Baeche veraendern ihr Flussbett
Vor synthetischem Kadaverbelag.

Was für Wegwerfreste, es kotzt die Erde
Plastikbehaelter, Gefaesse, Saeure.
Tote Fische, kranke Baeume, verschmutzte Umwelt
Ohnmaechtiges Schnaufen, erschöpft kommen und gehen.

Gemüse, Pflanzen, Getreide als Pulver
Eine falsche Chemie in meiner Suppe
Obst und Frucht unreif, ohne Geschmack
Spritzmittel auf meinem Tisch.

Das Fleisch ist kein Fleisch mehr
Meine Essschüssel ist eine Kleisterschale
Innen wie aussen bin ich Rost und Schmutz
In welchen Baedern soll ich mich reinigen?

Taeuschende Verpackung und wie oft
Tiefgefroren, verkochte Tresterkonserve
Diese Kraftlosigkeit, schlechte Nerven, Verdauung
Wie werden sie geheilt, mit welcher gesunden Ernaehrung?

Du liesst die Natur umkippen, schiess mich nun ab
Wohin du willst ins All, ind den Weltraum und dann
Soll die Eiszeit beginnen, die Umgebung
Fossilien-, Stein- und Zementberge.

Herauf

Aus dem Tagebuch eines Istanbulers 2

In den Strassen die Gesichter der Wirklichkeit
Geparkt so viele Gesichter auf den Gehwegen
Einen Weg
Zu bahnen müht sich der Nichtmotorisierte.

Anflehen den Fahrzeugen folgend
Steig in ein Fahrzeug gleichgültig wie
Mich bespritzend
Drückt ein Fahrer aufs Gas.

Im Gedraenge hin und her gestossen
Mich immer mehr duckend
Ein Mann, der ich dieses Alter erreicht
Kann doch sonst nirgendwohin gehen.

Wann kommt der Bus
An dieser Haltestelle vorbei
Frage ich, sie belaecheln mich:
Warte, Vaeterchen!

Ich warte im Winter, im Sommer, im Frost
In Schlangen
Ich lebe in Istanbul
Wenn das leben ist.

Herauf

Juli-Macken

Die nebenan, unten, oben
Siebenundzwanzig Wohnungen im Block
Wie zum Todesschlaf hingelegt
Erstarrt die Zeit.

Maeuschenstill
An den schmelzenden Scheiben
An den versengten Vorhaengen
Nicht die geringste Regung.

Weder ein vorbeifahrendes Fahrzeug auf der Strasse
Das Ticken der Wasseruhr –
Noch Vogelzwitschern im Baum
Vorm Haus.

Kein einziges von all den Kindern –
Wenn man sich im gedaempften Zimmer uralt
Zu einem Schlaf hinlegt
Gespannte Stunde, man kann nicht schlafen.

Gelangweilt eingeschlossen in der Zelle
Traeume nach Herzenslust von Todesarten:
Eine Schlucht, Omnibus –
Nur du überlebst es nicht!

Menschenleere Gassen, du gehst
Stünde dein Herz still und auch die Zeit
Genau in diesem Augenblick schaute
Eine Frau durch den Tüllvorhang.

Traefe eine blinde Kugel
Auf der breiten Allee
Gerade dich und bei dir
Waere niemand.

Sackgasse, saehe ein kleines Maedchen
Vertieft im süssen Spiel
Dich auf der Erde und verstünde auch dies
Als Spiel und haette gar keine Angst davor.

Siebenundzwanzig Wohnungen im Block
Sich wie zum Todesschlaf hingelegt
Maeuschenstill
Als laegen sie auf der Lauer.

Herauf